Halbzeit

Ich sitze im Java Café, einem meiner liebsten Plätze in Phnom Penh, da nicht nur das Essen und die Getränke fabelhaft sind, sondern es auch an einer Sehenswürdigkeit und einer der belebtesten Straßen Phnom Penhs liegt, dabei aber mit all seinem Grün eine kleine Oase darstellt. Hier komme ich gern her, wenn ich nachdenken oder an etwas arbeiten möchte und ich mich in unserer Wohnung gerade nicht konzentrieren kann.

Hier sitze ich nun also und denke über die letzten 6 Monate nach und in meinem Bauch mischen sich Gefühle des Erschreckens, darüber, dass nun schon die Hälfte um ist und nur noch 6 Monate übrig bleiben, mit den Gefühlen der Freude, da es ja noch 6 Monate sind, die ich Zeit habe, alles zu entdecken und mein Leben hier zu genießen.

So möchte ich doch, etwas persönlicher, reflektieren, wie es mir in den letzten Monaten hier so ging und was ich hier schon lernen durfte.

Vor zwei Wochen kamen meine Eltern zu Besuch nach Kambodscha und brachten nicht nur eine ganze Menge deutsche Süßigkeiten für mich und meine 4 Mitbewohner mit, sondern auch dieselbe Faszination gegenüber des hiesigen Lebens, wie ich sie selbst am Anfang in mir trug. Immer noch trage.

Während ich ihnen gegenüber oft als Reiseführer fungierte, ihnen die Stadt zeigte und für sie, auf Khmer, mit Tuk Tuk Fahrern verhandelte, merkte ich, wie viel ich über Kambodscha schon lernen durfte. Bei vielen Orten und Dingen fielen mir noch ein paar Informationen ein, die ich dann mit ihnen teilen wollte – und so wurde die Kategorie „kleiner Funfact über Kambodscha“ ein etablierter Teil in unseren Gesprächen.

Ich bin sehr glücklich hier. Davon waren die beiden sehr schnell überzeugt, während sie mich hier in meiner momentanen, natürlichen Umgebung beobachteten. Und so ist es auch.

Aller Anfang ist bekanntlich schwer – und so klischeehaft, wie diese Phrase ist, so wahr ist sie auch. Auf der Arbeit gab es anfangs einige Schwierigkeiten, die mich zwar nie zur kompletten Verzweiflung, aber schon manchmal zum Weinen brachten – so zum Beispiel mein damaliger Mentor, der, sagen wir, sehr reserviert mir gegenüber war, wodurch ich in den ersten Wochen so niemanden hatte, der mir etwas erklärte. Überforderung und das Gefühl, allein gelassen zu werden, betrübten dadurch leider meine sonstige Euphorie gegenüber des Landes, das ich gleich von der ersten Sekunde unglaublich faszinierend und wunderschön fand.

Geht man in ein fremdes Land, wo man weder die vorherrschende Kultur, noch die Sprache beherrscht, fühlt man sich oft wie ein Kleinkind, oder wie ein Welpe. Man wird sich sehr schnell dessen bewusst, wie wenig man eigentlich kann – allen voran, weil Erlebnisse, wie das vor der Toilette stehen und nicht wissen, wie man diese benutzt, einem auch nichts anderes vermitteln. Selten habe ich mich so nutzlos gefühlt wie hier am Anfang.

Man kennt die Abläufe nicht, weiß oft nicht, wie man sich verhalten soll. Selbst das simple Aufkleben eines Arbeitsplans im Büro kann dann zur Überforderung werden, wenn man, wie ich, ständig Angst hat, irgendwas falsch zu machen. Das merkt dann auch selbstverständlich das eigene Umfeld – aber wenn man Glück hat, trifft man auf hilfsbereite und geduldige Menschen, die alles erklären oder sich die Zeit nehmen, einem zu zeigen, wie man Dinge richtig macht.

Ich habe mehrere solcher „Welpen-Erlebnisse“ hinter mir – eines fand meine Chefin so lustig, als ich ihr davon erzählte, dass sie fast vom Stuhl fiel. Und egal wie hilflos oder manchmal sogar gedemütigt man sich in einem solchen Welpen-Moment fühlt – so lernt man doch auch daraus, insbesondere deswegen, weil man es nicht nochmal so erleben möchte. Und es sensibilisiert auch gegenüber ausländischen Besuchern oder Menschen in Deutschland, denn egal wie selbsterklärend man selbst manche Dinge erachtet – für andere sind sie es leider nicht.

Mit der Zeit veränderte sich jedoch vieles. Aus den nervösen Frischlingen vom Anfang wurden Kambodscha-erprobte Freiwillige. Bei der Arbeit bekam ich eine neue Bezugsperson, die mir wirklich sehr ans Herz gewachsen ist. Anders als mein vorheriger Mentor, der übrigens im November gekündigt hatte, ist mein neuer Mentor ein sehr offener und freundlicher Mensch, aber vor allem auch sehr witzig und hilfsbereit. So verbringen wir Arbeitsstunden nicht selten damit, einfach zu quatschen und manche unverständliche und langweilige Meetings werden auch mit etwas Blödsinn verschönert. Allerdings wird leider auch er im April meine NGO verlassen – etwas, auf das ich eher nicht so freudig vorausblicke.

Durch die Arbeit habe lernen dürfen, wie wichtig manchmal Spontanität, aber auch Planung sein kann. Ausflüge für 40 Kinder innerhalb zweier Tage zu planen ist definitiv möglich, aber einen kompletten Semesterprojektbericht in wenigen Tagen zu schreiben, eher nicht. Jedoch macht mich jede Erfahrung um eine Geschichte reicher, die ich dann am Ende des Tages meinen Mitbewohnern erzählen kann.

Auch der Alltag wurde entspannter und mit jeder Fahrradtour, jeder Tuk Tuk Fahrt, jedem Wort Khmer das ich sprach, jeder Fahrt aufs Land und jedem Krankenhausbesuch (keine Sorge, davon gab es nur zwei und ich habe beide gut überstanden), habe ich mich mehr an das Land gewöhnt.

Kambodscha ist ein sehr vielfältiges Land. Ich liebe das Stadtleben, die Geschäftigkeit, Hektik, Lautstärke Phnom Penhs und zahlreichen Möglichkeiten, wie man hier seine Zeit verbringen kann. Doch bin ich auch sehr froh, das Landleben erfahren zu können, wenn auch wesentlich weniger regelmäßig als ich anfangs erwartet hatte.

Kambodschanisches Landleben ist ruhiger, entspannter. Und um 8 ins Bett zu gehen ist auch nicht sehr ungewöhnlich. Aber ich habe auch sehr inspirierende Persönlichkeiten dort treffen dürfen. Dabei denke ich besonders an die Jugendlichen, mit denen mein Projekt dort arbeitet.

Diese Jugendlichen, die gelernt haben, sich selbst zu organisieren und die mit ihrem starken Engagement einen fundamentalen Einfluss auf das gesamte Dorf haben, motivieren, daran zu glauben, dass eine bessere Welt möglich ist, wenn nur genügend Menschen daran arbeiten. Sie selbst glauben daran und an sich selbst und das ist etwas, das ich in Deutschland nur selten gesehen habe. Engagement wird nicht nur gepredigt, sondern gelebt und der Einfluss, den ihre Aktivitäten haben, ist deutlich spürbar.

Was habe ich in den letzten 6 Monaten sonst noch gelernt und erlebt?

Alles aufzuzählen ist wohl unmöglich. Bereut habe ich diese Reise jedoch keine Sekunde lang.

Doch habe ich definitiv viel über mich selbst und über meine eigenen Privilegien gelernt. Sich das selbst vor Augen zu führen ist manchmal allerdings wirklich schwer auszuhalten. Insbesondere, wenn ich darüber nachdenke, dass ich manchmal für eine einzige Mahlzeit so viel oder mehr Geld ausgebe, wie eine Khmer Freundin hier für einen Tag ausgeben kann. „Versuch, nicht so viel drüber nachzudenken“ hört man da nicht selten, wenn man diese Gedanken mit anderen teilt.

Dabei ist das, meiner Ansicht nach, nicht richtig. Man muss drüber nachdenken und sich mit dieser Realität konfrontieren. Denn das ist sie, Realität.
Nur wie ich dann damit umgehe, dazu habe ich noch keine Antwort gefunden. Wer weiß, ob ich sie in meiner Zeit hier noch finden werde. Es ist ein schwieriges Thema, über das ich wohl noch viele Stunden mit meinen Mitbewohnern diskutieren muss, um mir eine halbwegs reflektierte Meinung zu bilden.

Jedoch, auch wenn diese Vorstellung in vielen vielen Köpfen noch besteht – Kambodscha ist kein vorrangig armes Land. Man kann hier große Armut, genau wie großen Reichtum finden. Aber Kambodscha ist sehr vielfältig, reich an Geschichte und Faszination. Es hat viele Facetten, die es nicht verdient haben, nur auf „arm“ herunter gebrochen zu werden. Und – wenn man sich darauf einlässt – kann man hier sehr viel lernen.

Ich bin jeden einzelnen Tag dankbar dafür, hier sein zu können und ich weiß, dass mich meine Erfahrungen hier nachhaltig prägen werden.

Und das schönste ist, egal wie viel ich schon gelernt hab oder zu wissen glaube –

Ich habe noch 6 Monate Zeit, mehr zu lernen.

PS:
An dieser Stelle möchte ich allen danken, die diese Seite hier nicht vergessen haben. Ich nahm an, dass mir steigernder Vernachlässigung meinerseits auch diese Seite hier in Vergessenheit geraten würde. Danke an alle, die doch dran geblieben sind.
Meine Zeit hier ist so aufregend, intensiv, ereignisreich und überraschend, dass ich, während ich ein Abenteuer nach dem anderen erlebte, mit dem Schreiben kaum hinterherkram. Oder eher gar nicht, der Anzahl der Blogeinträge nach zu urteilen.

Auch wenn ich es wohl nicht schaffen werde, jede meiner Geschichten so zu erzählen, wie ich sie gern erzählen würde – ich hoffe doch, dass ich es schaffe, mehr von meinem Leben hier mitzuteilen.

Denn es hat es nicht verdient, für sich behalten zu werden.

6 Monate in Bildern

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Ein Kommentar zu „Halbzeit

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  1. >>Jedoch, auch wenn diese Vorstellung in vielen vielen Köpfen noch besteht – Kambodscha ist kein vorrangig armes Land. Man kann hier große Armut, genau wie großen Reichtum finden. Aber Kambodscha ist sehr vielfältig, reich an Geschichte und Faszination. Es hat viele Facetten, die es nicht verdient haben, nur auf „arm“ zu werden. Und – wenn man sich darauf einlässt -kann man hier sehr viel lernen.<<

    goosebumps!

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