Es werde Alltag

8.00 Uhr morgens. Es klingelt der Wecker. Das bedeutet, es ist schon Montag, das Wochenende ist vorbei und es beginnt wieder der „Arbeitsalltag.“
Mit einem halb-müden, halb-kräftigen Atemzug durch die Nase rieche ich das Frühstück, das, je nach Wochentag, von einem von uns fünf vorbereitet wird. Montags ist Tess an der Reihe.
Zum Frühstück gibt es klebrig gekochten Reis, das hiesige Porridge und Bananen, garniert mit etwas Zimt und Honig. Wider Erwarten schmeckt es uns allen sehr gut.
Gestärkt und mit etwas weniger müden Augen machen wir uns fertig.

8.57
Wie üblich viel zu spät verlassen wir die Wohnung, um zum Sprachkurs zu laufen.
Dieser ist allerdings nicht sehr weit weg, nur zwei Kreuzungen weiter die Straße entlang.
Auf unserem Weg begegnen wir unseren  Freunden – unserem Tuk Tuk Fahrer und seinem Vater.
Die Geschichte, wie wir Freunde wurden, werde ich auch noch erzählen.
Wir lächeln und winken ihnen zu, dann eilen wir weiter um die Verspätung nicht noch weiter zu verschlimmern.

9.04
Wir treffen, leicht gerötet und bereits leicht verschwitzt, in der Sprachschule ein. Die Lehrer mit einem fröhlichen „Suasday“ begrüßend, steigen wir die etwas abenteuerlichen, da sehr schmalen und sehr steilen, Treppen hinauf. Hier teilt sich unsere Crew in zwei Gruppen. Martin und ich bilden eine Lerngruppe, Jana, Anna und Tess die andere.
Unsere Lehrer sind sehr freundlich und so freuen wir uns auch schon auf den Unterricht, was in Deutschland oft eher nicht so der Fall war.
Doch sobald dieser beginnt und die Hausaufgaben erwähnt werden, die wir eigentlich aufbekommen hatten, verändert sich unsere entspannte Mimik und  wir tauschen sofort hektische und leicht schuldbewusste Blicke aus.
Nun, manche Dinge ändern sich wohl nie.

Der Unterricht erstreckt sich über zweieinhalb Stunden, je nach Motivation und Ausdauer ändern sich die Länge und Häufigkeit der Pausenzeiten von Tag zu Tag. Inhaltlich und methodisch ist er allerdings kaum zu bemängeln und so wird man selbst durch eher unmotivierte Phasen gut geleitet.

11.35
Mit derselben Verspätung, mit der wir ankamen, verlassen wir nun auch die Sprachschule. Zusammen laufen wir in Richtung Wohnung. Währenddessen diskutieren wir, teils mehr teils weniger innig, was und wo wir essen sollten. Auf dem Weg  kommen wir an einem Restaurant vorbei – dem Den Angkor. Von seinen intensiven, wohlriechenden, speichelanregenden Gerüchen getrieben, entscheiden wir dann aber doch einstimmig, hier zum Mittag einzukehren. Jedes Essen kostet hier unschlagbare 2 Dollar und konnte bisher geschmacklich kaum übertroffen werden.

12.45
Gesättigt und leicht bis mittel-stark nach Knoblauch riechend rufen wir der Kellnerin ein freundliches „Borng, Kit louy!“ zu und zahlen. Während wir nach Hause laufen, bricht eine erneute Diskussion darüber aus, welche Glücklichen von uns  5 die 4 Fahrräder nutzen dürfen, um zur Arbeit zu kommen.
Obgleich ich anfangs felsenfest darauf beharre, mit dem Fahrrad fahren zu wollen, wurde ich – wie üblich – überstimmt und willige schließlich doch ein, darauf zu verzichten und mit dem freundlichen Tuk Tuk Fahrer zur Arbeit zu fahren.
Wie schade, dabei wollte ich doch unbedingt erneut erleben, wie es ist, von einem LKW im Kreisverkehr fast angefahren zu werden und weiterhin gedanklich beim Überqueren einer  Kreuzung meine Beerdigung zu planen. Wie doof.
Naja, irgendjemand muss nun einmal hier überleben, um am Schluss von unseren Abenteuern erzählen zu können.

13.40
Mit leichter Verspätung hetze ich durch die Wohnung und suche meinen Laptop und sämtliche Ladekabel zusammen, die ich dann schnellstmöglich in den Rucksack stopfe. Noch schnell etwas Geld in die Tasche gesteckt – und schon laufe ich zu unserem Freund. Sein Tuk Tuk erkennt man schon von weitem – die Blumen, die er kunstvoll an den Metallstäben des Gerüsts befestigt hat und die grün-gelben Vorhänge, sowie die Kambodscha-Flagge hinten.
Schnell ist der Preis ausgehandelt  – jeden Tag der Gleiche.
Gemütlich fahre ich also los. Hier im Tuk Tuk sieht der Verkehr auch gar nicht so angsteinflößend aus. Ich habe Zeit, mir die Geschäfte und Straßenverkäufe auf meinem Arbeitsweg anzuschauen und jedes Mal fällt mir etwas Neues auf, sei es ein Kleidergeschäft, das ich vorher nie sah, oder ein Straßenverkauf, der Passionsfruchtsaft anbietet.

13.55
Das Tuk Tuk hält direkt vor dem Eingang. Wir machen aus, dass er mich nachmittags abholt und dann wieder nach Hause bringt. Die Adressen kennt er bereits gut und lächelnd verabschieden wir uns voneinander.
Und so zieht unser Freund von dannen und ich betrete das Gebäude.
In der Vorhalle stehen zahlreiche Motoräder und Fahrräder. Am Schuhhaufen vor dem Eingang lasse ich auch meine Schuhe stehen und betrete barfuß den kühlen Boden.
Direkt in der Eingangshalle sitzen schon meine Kollegen, Amouy, To und Heng. Sie arbeiten mit mir im Child Right’s Project, einem der drei Hauptarbeitspunkte meiner Organisation KCD. Auch Hany sitzt dabei, sie macht derzeit ein Praktikum bei der NGO, nachdem sie davor bei der Deutschen Botschaft in Phnom Penh arbeitete.
Wir begrüßen uns mit einem  fröhlichen „Chum reap sua“, dann setze ich mich dazu und packe meinen Laptop inklusive Kabel aus.

14.00
Mir wurde eine Aufgabe zugeteilt. Ich soll eine Präsentation über die kulturellen Unterschiede zwischen Kambodscha und Deutschland erstellen und über das deutsche Bildungssystem berichten.
Während ich versuche, diese Präsentation gedanklich zu planen, höre ich Amouy, To und Heng zu, die, oftmals auf Khmer, manchmal auch auf Englisch, miteinander reden. Stolz bemerke ich, dass ich einzelne Wörter bereits erkenne. „Mouy“ – Eins. „Chnahm“ – Jahr.
Motiviert durch meine vermeintlichen Khmer-Sprachkenntnisse, mache ich mich an die Arbeit.

15.40
Nachdem To für eine Weile verschwunden ist – ich verstand nicht ganz, weshalb – steht er plötzlich vor uns. In der Hand zwei Tüten mit „Tak passion“ – Passionsfruchtsaft.
Das für mich mit Abstand leckerste Getränk, was ich in Kambodscha bisher trinken durfte, erheitert meine Laune um etwa zweihundert Prozent und To wird für mich zum Held des Tages, dem Retter der Durstigen.

16.30
To informiert uns, dass wir heute etwas früher gehen können. Wegen eines aufziehenden Sturmes wird der Verkehr wohl noch schlechter, als er um die „Rush Hour“ um 17.00 Uhr sowieso schon ist.
Alle packen schnell ihr Zeug zusammen, so auch ich. Schnell noch allen „Leah hay“ (Tschüß) gesagt, dann nach draußen gerannt. Ich sehe schon mehr Verkehr, als mir lieb ist und bin erneut sehr traurig darüber, dass ich nicht selbst mit dem Fahrrad fahren konnte. Super schade.

16.43
Ich komme an der Wohnung an. Als ich nach dem Schlüssel suche, den ich eigentlich in meiner Tasche haben sollte, fällt mir auf, dass ich ihn vor einigen Stunden in aller Eile in meinem Zimmer vergaß.
Ich beschließe, den Tag gemütlich ausklingen zu lassen und kaufe mir im Supermarkt nebenan eine Dose Pringles mit Pizza Geschmack. Eine richtige Pizza würde 8-9 Dollar kosten – also muss diese Dose als Ersatz herhalten.

16.50
Ich setze mich vor die Wohnung auf den Balkon und blicke über die Dächer Phnom Penhs.
Die Sonne neigt sich schon dem Untergang entgegen, während der Verkehr zunehmend hektischer wird. Ich esse ein paar der Chips und beobachte die Szenerie.
Das ist nun mein Zuhause. Und so langsam schwindet das Gefühl, der Surrealität, das mich in den ersten Tagen so stark begleitet hat.
Ich genieße das Bild, das sich mir bietet.
Es ist laut und hektisch, alles bewegt sich. Es herrscht, auf den ersten Blick betrachtet, überall Chaos – doch schaut man genau hin, sieht man darin ein System, man erkennt eine Ordnung.
Es ist so ganz anders als alles, was ich bisher kannte.
Aber das ist gut.
Ich fühl mich wohl.
Ob das allerdings an den Chips, der etwas abgekühlten Luft oder der Tatsache, dass ich heute früher Schluss hatte, liegt – das bleibt offen.
Und so beobachte ich einfach weiter.

17.20
Anna radelt die Straße entlang, ich erkenne sie sofort. So viele Barangs (Weiße) fahren nicht unsere Straße entlang.
Nachdem sie die Treppen erklommen hat, öffnet sie uns beiden die Tür. Wir tauschen uns nun, größtenteils lachend, über die Erlebnisse und Geschehnisse des Tages aus.

17.40
Während wir noch immer in unser Gespräch vertieft sind, kommt Jana in die Wohnung. Nun will auch sie wissen, wie unsere Arbeitstage aussahen, also werden die gleichen Geschichten nochmals erzählt, was sie allerdings nicht weniger witzig macht. Lachend und schwitzend sitzen wir drei in der Küche und versuchen, den Vorrat an Snacks den wir üblicherweise in der Wohnung haben, nicht komplett aufzuessen.

18.30
Als letzte treffen Tess und Martin ein, die einen etwas längeren Arbeitsweg haben. Doch bevor sie uns von ihrem Tag berichten, erklingt schon die indirekte Anweisung zum Essen machen: „Leute, ich hab Hunger! Was essen wir?“ (Anweisende*r hierbei  beliebig)

19.00
Wir versammeln uns gemütlich um das Essen herum, was von unseren Köchen (also allen außer mir), gezaubert wurde. Ich kündige meine Absicht an, hinterher abzuwaschen, dann essen wir gemeinsam. Es gibt Reis mit einer Tomaten-Knoblauch-Gemüsesoße. Es schmeckt großartig.

Und so endet dann meist ein weiterer aufregender Tag. Wir essen, reden, lachen, diskutieren. Abends schauen wir dann noch vielleicht einen Film, skypen mit Familien und Freunden, bloggen, räumen auf, machen Sport (auch ich, man mag es kaum glauben).
Es ist ein neuer Alltag, oft noch sehr anstrengend, aber wirklich schön.

Ich bin sehr dankbar für diese Erlebnisse.
Dass wir 5 Freiwillige uns haben, erleichtert, meiner Meinung nach, ebenfalls unser Leben enorm.
Emotionen, Gedanken, Essen, Tränen, Schweiß. Wir teilen eine Menge miteinander, was eine sehr schöne, wenn auch bisweilen für mich etwas herausfordernde Erfahrung ist.
Aber ich würde sie um nichts in der Welt missen wollen und bin gespannt, wie das Jahr weitergeht.

 

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