Viele erste Male

Das erste Mal eine Straße überqueren. Das erste Mal Tuk Tuk fahren. Das erste Mal Jackfruit essen, das erste Mal selbst Handeln.

Die letzten Tage waren bestimmt von ersten Malen, alles Neue wurde begierig von uns aufgesogen. Und so war es nur gut, dass unsere ersten Schritte in Phnom Penh, der Stadt, die wir hoffentlich in ein paar Wochen wie selbstverständlich unser Zuhause nennen werden, begleitet wurden von unserer Landesmentorin Lim.

Bei ihr im Büro – sie arbeitet für eine kambodschanische NGO namens SHE Enterprise – fand unser Einführungsseminar statt. Wir verbrachten dort in der ersten Woche fast jeden Tag und lernten viel über die Geschichte und Kultur Kambodschas.
Wie kleidet man sich richtig? Was sollte man besser nicht tun, wenn man in eine Pagode geht? Um wie viel kann ich den Preis für ein Kilo Bananen herunter handeln, wenn ich auf dem Markt einkaufe? Wie verhalte ich mich höflich gegenüber den Mönchen, wenn ich auf diese morgens auf der Straße treffe?
Lim stellte sich geduldig all unseren Fragen, die den eigentlichen Zeitplan nur all zu oft über den Haufen warfen und schenkte uns damit Sicherheit im Umgang mit der kambodschanischen Umwelt.

Ein kleiner Favorit von mir, den ich in der Erzählung auch nicht auslassen möchte, war die Einheit über Khmer Tänze. Auch wenn ich sonst eher nicht als Tanzkünstlerin bekannt bin (obwohl ich mal Ballkönigin war!), ließen sich die einzelnen Schritte recht schnell merken und umsetzen.
Größtenteils vielleicht auch dadurch, dass ein Tanz zum Beispiel aus drei Schritten nach vorn und drei Schritten zurück besteht, wobei man währenddessen mit den Händen einen fliegenden Vogel mimt. Letzteres sah bei uns ungeübten Freiwilligen allerdings eher aus wie ein Huhn, das zum ersten Mal, nachdem ihm die Federn gerupft wurden sind, nervös versucht mit den Flügeln zu wackeln. Aber aller Anfang ist schwer. Hoffentlich liegt noch die ein oder andere Khmer-Hochzeit vor uns, bei der wir diesen Tanz üben können.
Lustig war es jedenfalls.

Während des Seminars hat unsere Mentorin Lim dafür gesorgt, dass es uns an nichts mangelt. Sank die allgemeine Motivation nach einer erneuten Welle an Informationen, die auf uns einprasselte und uns bis kurz vor die Überforderung trieb, ein wenig, so wurden plötzlich Platten mit Snacks herbeigezaubert, die mit ihren exotischen, unbekannten Formen unser Interesse reaktivierten und stets ein kleines Leuchten in unsere Augen zauberten. Besonders interessant waren dabei die kleinen Reisküchelchen, die aus in einem Bananenblatt eingewickeltem „sticky rice“ und einer Füllung bestanden, die von Kuchen zu Kuchen unterschiedlich war. Die Geschmacksvariationen der Füllungen reichten von süß bis salzig und scharf, was jeden Kuchen zu einer Art kleinen Überraschung machte.

Am Freitag, dem letzten Tag des Seminars begaben wir uns dann auf eine kleine Sightseeing Tour. Mit einem für den Tag gemieteten Minivan inklusive Fahrer und einem Tourguide fuhren wir zu den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Dabei besuchten wir das Independence Monument und das Nationalmuseum, sowie auch den Königspalast und das Olympiastadion. Auch gingen wir mit Lim in eine Pagode, wo sie uns zeigte, wie man buddhistisch betet.

Die Pagode zu besuchen war für mich in mehreren Punkten interessant. Zu sehen, wie andere Gläubige ihren Religion praktizieren und mehr darüber zu erfahren, halte ich für sehr wichtig, um deren Kultur und Ansichten besser zu verstehen. Kambodscha ist buddhistisch, aber nicht im klassischen Sinne. Durch chinesische und hinduistische Einflüsse ist der hiesige Buddhismus etwas besonders. Ich möchte dieses Jahr nutzen, um noch mehr darüber zu erfahren. An dieser Stelle mehr darüber zu erzählen halte ich für schwierig, da ich vieles noch nicht ganz verstehe, aber sobald ich das tue, werde ich darüber berichten.

Nach der Pagode begaben wir uns zum Central Market – einem großen Marktkomplex, der von vielen Touristen besucht wird. Ganz touristisch wandelten nun also auch wir durch die engen Gänge, umgeben von Souvenirs, Seidenschals und mehr Kleidung, als jemand in seinem ganzen Leben tragen könnte.
Zwischendurch begegneten uns auf unserer Suche nach einem günstigen Second-Hand-Shop mehrere Essensverkäufer. Bei einem stoppte unser Tourguide und kaufte einen Beutel voller Mehlwürmer, die er uns freudestrahlend anbot. Dazu muss man sagen, dass es in Kambodscha durchaus nicht üblich ist, Würmer oder Insekten zu essen, aber es wird oft an touristischen Plätzen oft als Snack angeboten.
Mit dem Motto im Kopf, alles probieren zu wollen, nahmen wir uns alle einen Wurm und bissen etwas verunsichert hinein.
Nun, was soll ich dazu sagen.
Schleimig, jedoch vitaminreich.

Die Tour endete am Olympic Stadium, wo zwar noch nie die Olympischen Spiele ausgetragen wurden, allerdings täglich am Abend sportbegeisterte Kambodschaner hinströmen um ein paar gymnastische Übungen zu machen oder Runden zu laufen.
Was ich dazu sagen kann: Näher kam ich nie – und werde ich wohl auch nicht wieder kommen – einem Olympiastadion. Von dort aus beobachteten wir, durchgeschwitzt und völlig fertig nach den Aufregungen der letzten Tage, den Sonnenuntergang und das Jahr, was anfangs so komplett surreal schien, wurde etwas realer.

Am Ende des viertägigen Kurses konnten wir vier also eine Menge theoretisches, aber  auch durchaus praktisches Wissen aufweisen
Wir konnten uns durch die Stadt bewegen, ohne bei jeder Straßenüberquerung einmal kurz an die eigene Beerdigung zu denken, hatten gelernt mit Tuk Tuk Fahrern zu handeln und lernten recht schnell, wie man auf Khmer Essen bestellt – ein sehr existenzielles Werkzeug zur Lebensbewältigung, wie ich finde.

Es gibt für alles ein erstes Mal, heißt es oft. In einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, auf dem man sich zum ersten Mal befindet, gibt es allerdings noch ein paar mehr erste Male. Das macht das Leben hier sehr spannend, allerdings freue ich mich auch schon darauf, wenn die Dinge, die ich jetzt gerade etwas unsicher zum ersten Mal tue, Alltag geworden sind.

 

Anmerkung der Redaktion: Dieser Eintrag kam ebenfalls etwas verspätet. Weitere „erste Eindrücke“ folgen hoffentlich in Kürze.

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2 Kommentare zu „Viele erste Male

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