Geschichte mit dem Rucksack

Ich setze den Rucksack auf. 14 Kilo Zusatzgewicht tragen meine Beine, 14 Kilo, die mich eigentlich schwerer machen müssten. Doch ich fühle mich leicht, realisiere das Gewicht kaum. Ich habe nur Augen für den Flughafen, dafür, die richtige Halle mit dem Thai Airways Schalter zu finden, dafür, die anderen Freiwilligen zu sehen.

Ich blende all die Abschiede aus, die mich in den letzten Tagen so sehr bewegten und blende aus, dass einer der größten Abschiede noch vor mir liegt. Ich kann kaum fassen, dass ich alles, was außerhalb des Flughafens liegt, ab jetzt für ein Jahr nicht mehr sehen werde.

Und so trage ich mich und den 14 Kilo Trekkingrucksack, in dem alles steckt, was ich an Vorbereitungen getroffen habe und damit alles, was ich glaube über das Jahr zu brauchen, weiter voran. Neben mir läuft meine Familie, doch ich habe gerade nur Augen für mein Ziel. Dabei ist es nur eine kleine Etappe auf meiner 9.416 km langen Reise, den richtigen Schalter zu finden, doch für mich ist es alles, was gerade zählt.

Erst als ich das große, lilafarbene Schild mit der Aufschrift Thai Airways lese, entspanne ich mich und bemerke die Nervosität, die mich wohl schon die ganze Zeit auf meinem Weg dahin begleitet hat.

Doch so schnell wie ich sie bemerkte, so vergesse ich sie wieder, als ich meine Mitfreiwillige Anna sehe, die mich freudestrahlend begrüßt und gemeinsam finden wir auch schnell die anderen. Noch schnell den Rucksack reisefertig machen, indem alle Schnüre so befestigt werden, dass sie nicht irgendwo hängen bleiben, dann alles wieder aufmachen, weil ich mir noch Socken rausholen will, damit meine Füße im Flugzeug nicht frieren. Regenhülle drum, am Gepäckschalter abgeben.
Meine Last ist nun auf dem Weg in Richtung Flugzeug und so langsam wird klar, dass wir uns auch bald auf diesen Weg begeben werden.

Der Abschied ist intensiv, doch keiner von uns kann wirklich realisieren, dass wir unsere Lieben für ein Jahr nicht mehr sehen werden. Auch wenn es durch Facetime/Skype, Whatsapp und Internettelefonie einige gute Möglichkeiten gibt, in Kontakt zu bleiben, ist es doch etwas anderes, da wir uns nun auf unseren eigenen Weg begeben.

Die Zeit bis zum Abflug vergeht- Vorsicht, schlechter Wortwitz – wie im Flug (haha, dabei sitzen wir noch gar nicht im Flieger).
Und eh wir uns versehen, sitzen wir 5 in einer riesigen Maschine, in der wir die nächsten 11 Stunden verbringen würden. Der Innenraum ist in pink- und lilatönen gehalten und euphorisiert wie wir sind, wirkt für uns alles unglaublich sympathisch. Von den Stewardessen in traditionellen Thai Gewändern bis hin zur Bandbreite der am Sitz erhältlichen Unterhaltung – alles löst tiefe Begeisterung in uns aus.

Und doch wirkt alles furchtbar unreal. Ich sollte in knapp 13 Stunden in Phnom Penh sein? Nicht möglich. Doch das alles geschah wirklich und so landen wir ohne große Turbulenzen etwa 20 min zu spät am Flughafen in Bangkok.

Hitze. Hetzen.
Bei der Umsteigezeit von etwa einer Stunde bleibt uns keine andere Wahl, als aus dem Flugzeug und über den halben Flughafen zu rennen. In der Eile vergisst Tess etwas Wichtiges im Flugzeug, worauf sie zurücksprintet und wir uns schon informieren, wo wir eigentlich hin müssen.
Noch 45 min.
Eine sehr, sehr lange Schlange steht in der Halle, von der aus man zu dem Security-Check und dann zu den Abfluggates kommt.
Hätte uns eine freundliche Familie nicht 80% der Schlange überspringen lassen, wären wir wohl gnadenlos zu spät gekommen. Doch mit einem ordentlichen Sprint, der meine Lunge (die Belastungen wirklich nicht so ganz witzig findet) ganz schön aufkeuchen lässt, schaffen wir es mit dem finalen Final Call noch in den Flieger nach Phnom Penh.

Schweißgebadet nehmen wir dann Platz, doch sobald die Anspannung  (haha) verflogen war, so kommt schon die neue Aufregung, als wir zu Landen ansetzen.

Hochhäuser. Der Mekong. Das ist also mein neues Zuhause.
Die Aufregung lässt sich kaum zügeln.

Schnitt.

Flughafen, Gepäckband.

Rucksack schnappen, Schnüre entbinden, Reisepass nehmen, ab zur Kontrolle, dann ab nach draußen.

Das erste, was mir auffällt, als ich mit meinem Blick eines der letzten Etappenziele versuche zu erfüllen, meine Landesmentorin Lim zu finden, ist die schwüle Hitze, um nicht mal 9.30 Uhr morgens.
Lim hält ein Schild mit unseren Namen, wodurch wir sie schnell erkennen und zusammen laufen wir zur Straße. Wir warten auf das Tuk Tuk, das unser Gepäck zur Wohnung bringen wird, während wir in Lims Auto dorthin fahren.

Die Fahrt ist etwas kuschelig und klebrig, wie wir da zu viert auf der hinteren Bank sitzen, aber der Ausblick währenddessen ist unschlagbar. Gierig starre ich nach draußen, versuche jeden Eindruck einzufangen.
Oh, ein Motorrad fährt sehr knapp an uns vorbei. Oh, die Leitungen verlaufen überirdisch in dutzenden Kabeln. Oh, da ein Markt, was sind das für Früchte? Oh, ein Straßenschild mit Wahlwerbung für die CPP, der aktuell regierenden Partei. Oh, eine Karaokebar. Oh, ein Schild in Khmer, was steht da wohl drauf? Oh, ein Geschäft, oh ein Tuk Tuk, oh eine Ampel, ein LKW, ein Fitnesstudio, ein Café.

Wir kommen an, in die Wohnung, die ich ab jetzt mein Zuhause nennen darf. Verschwitzt stelle ich meinen Rucksack ab. Endhaltestelle.
Das Auspacken hat noch etwas Zeit, erstmal schaue ich mir an, wo ich hier angekommen bin.
Doch das bin ich.
Angekommen.
Todmüde, verschwitzt, reizüberflutet und glücklich.

 

Advertisements

2 Kommentare zu „Geschichte mit dem Rucksack

Kommentare sind geschlossen.

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: